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Fashion
23.08.2018

Funktion und Schutz: London Fashion Week Mens

Seit einigen Jahren soll mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten leben, nicht mehr auf dem Land — und es werden mehr. Wie beengt sich das Leben in einer Megacity anfühlt, davon bekommt man in London ein Gefühl, einer Stadt, in der inzwischen jede Stunde Rush Hour ist.

Weil Wohnraum immer teurer wird, vor allem in den Zentren, werden unsere Wohnungen immer kleiner und liegen zudem weiter draussen. Wir verbringen mehr und mehr Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln, um zur Arbeit zu kommen. Unser persönlicher Raum wird nicht nur kleiner, sondern verlängert sich auch in den öffentlichen Raum. So manche Pendlerin nutzt die Zeit morgens im Zug dazu, sich zu schminken und so mancher schaut abends auf dem Weg nach Hause seine Lieblingsserie auf dem Smartphone.


Manchmal ertappe ich mich beim Schwelgen in Erinnerungen. Mein bevorzugtes Mode-Jahrzehnt: die zweite Hälfte der 1970er und die erste Hälfte der 1980er. Jeder wollte damals schick sein. Frauen trugen Bleistift-Röcke und Clutches, Männer drapierten sich lässig ihre Sakkos um die Schultern. «Früher war alles besser»? Das hört sich nicht nur alt an, es ist auch eine Fantasie, die im Jetzt nichts mehr zu suchen hat.


Anfang Juni war ich in London zur Fashion Week Mens. Leider gehöre ich nicht zu den Redakteuren, die in schwarzen Limousinen von einer Show zur anderen gefahren werden. Ich gehe oder nehme die Tube. Im Rucksack habe ich meinen Laptop, ein Power Pack, eine Flasche Wasser (der Jahrhundertsommer) — was man eben so braucht.

Ich versuche mir vorzustellen, das Ganze in Lederschuhen zu absolvieren, mit einem Sakko lässig über meine Schultern geworfen. Das wäre gar nicht möglich gewesen — weder bequem, noch praktisch genug, um den ganzen Tag durchzuhalten. 

Kürzlich wurde in einem Artikel in einer Fachpublikation diskutiert, ob der Athleisure-Trend noch Bestand haben kann oder schon am abebben ist. Nennen wir es wie wir’s wollen, Athleisure, Sportswear, Utility — meiner Meinung nach ist diese Diskussion überflüssig. A) verschmelzen die Kategorien eh miteinander und b) wird Funktion und Schutz eine Notwendigkeit für unsere Kleidung werden, zumindest für die, die uns durch den Alltag bringen soll. Mehr denn je ist die Art, wie wir uns kleiden, ein Spiegel unserer Zeit. Das soll nicht heissen, dass wir nie wieder Anzüge und Sakkos tragen werden, aber auch die werden immer relaxter und selbst im Büro immer weniger getragen. 

Viele der Kollektionen, die in London gezeigt wurden, drehten sich um Funktion und Protektion – zumindest optisch. Da waren jede Menge Taschen zu sehen, Reissverschlüsse und Body Bags. Bei Michiko Koshino gab es aufgesetzte, aufblasbare Luftkammern, die Hosen eine neue Silhouette gaben. Sie schienen aber auch als eine Art Polster zu dienen, für den Schutz unseres persönlichen im öffentlichen Raum. Bei A-Cold-Wall wurden sogar Models mit einem Rahmen um sich auf den Laufsteg geschickt. Eine Metapher?

Björn Lüdtke